Die Stadt brodelte. Ein orkanartiges Stimmengewirr durchzog Istanbul, untermalt vom ständigen Dröhnen der Motoren und schrillen Hupkonzerten. Fähren schoben sich träge über den Bosporus, während Tausende Menschen ihrem Alltag nachgingen – hastig, laut, manche ziellos. Der Geruch von salziger Meeresluft vermischte sich mit Gewürzen und Abgasen. Obwohl es erst Mai war, brannte die Sonne gleißend auf die Straßen, ließ den Asphalt flimmern und die Hitze zwischen den Häuserschluchten stehen.
Und dann waren da noch die Fans. Fußballanhänger in rot-gelben Trikots – größere und kleinere Gruppen. Einige sangen mit heiseren Stimmen Schlachtgesänge, andere blickten wild umher, als warteten sie nur auf eine Gelegenheit, aus ihrem Marsch einen Kampf zu machen. Ihre Gesichter glänzten im Sonnenlicht, verschwitzt, aufgeheizt. Zwischen ihnen und den hupenden Autos stockte der Verkehr. Niemand kam voran. Eine Kakophonie aus Schimpfen, Rufen und überhitzten Motoren lag in der Luft.
Ein Taxi stand festgeklemmt zwischen Bussen und hupenden Kleinwagen. Der Fahrer trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad, ein nervöses Stakkato im Rhythmus des Chaos draußen. Ein Fahrgast führte ein Telefonat, das ihm sichtlich zusetzte – gelockerte Krawatte, feuchte Stirn.
„Ich habe keine Ahnung, wie lange es noch dauert.“ Seine Stimme klang gereizt, die Worte abgehackt. Er beugte sich vor, musterte die Menschenmengen, die Hände am Fenster zu Fäusten geballt.
„Was ist da vorne eigentlich los? Wieso geht’s nicht weiter?“
Der Taxifahrer zuckte mit den Schultern, sein Blick müde von den Jahren im Istanbuler Verkehr.
„Fans blockieren wieder mal die Straße. Vielleicht ist es auch eine Demo. Wie immer eigentlich.“ Eine Spur von Gleichgültigkeit schwang in seiner Stimme mit, die Routine eines Mannes, der tägliche Ausnahmezustände als Normalität akzeptiert hatte.
Plötzlich flitzte eine Gestalt vor dem Taxi vorbei – ein Junge, höchstens siebzehn. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, sein Fenerbahçe-Trikot klebte an seinem Körper, die Farben verliefen in dunklen Flecken. Seine Augen waren weit aufgerissen, Panik und etwas anderes darin – Entschlossenheit vielleicht.
Zwei Sekunden später folgte eine zweite Gestalt. Ein Polizist, breitschultrig, keuchend, die Hand am Funkgerät. Die Menge teilte sich kurz, als der Junge zwischen den Fans hindurchschlüpfte, geschmeidig wie ein Straßenkater.
„Haben Sie auch gesehen, was der Junge in der Hand hatte?“ fragte der Fahrgast, plötzlich neugierig geworden, den Stau vergessen.